GIVE ME MY OWN MOVIE – JENNIFER MERLYN SCHERLER

Jennifer Merlyn Scherler über die Wechselwirkung zwischen filmischer Narration und dem off - screen Leben.



Ein Essay von Jennifer Merlyn Scherler, Basel, 2020





In folgendem Text steht die weibliche Form stellvertretend für alle Geschlechter.




In der Matrix

Als das Tram kurz vor Bahnhofseinfahrt stehen blieb, wusste ich mit einem nervösen Blick auf die Uhr, dass es knapp werden würde, sehr knapp, um meinen Anschlusszug nach Bern zu erreichen. Noch vier Minuten verblieben bis zur Abfahrt, und ich war noch nicht mal aus dem Tram.

Ich schloss kurz die Augen, um durchzuatmen. Um mich vorzubereiten, auf den Sprint, der auf mich wartete. Ohne den ich keine Chance hatte. Nach kurzem Überlegen setzte ich meine Kopfhörer auf und wählte auf dem Mobiltelefon den Musiktrack Spybreak! von der Band Propellerheads aus. Volle Lautstärke.

Meine Bereitschaft, mich den schwer zu durchschlängelnden Menschenmassen zu stellen, wuchs schlagartig. Fast sah ich mich jetzt in Trinity’s enger Lackkleidung, und als ich durch die Tramtür brach und zu rennen begann, wehte ihr schwarzer, glänzender Mantel dramatisch hinter mir her. Meine Gefühle und Sinne waren ganz darauf eingestellt, dass ich mich jetzt mitten in der Lobby Shootout Szene des ersten Matrix Films befand. Es galt also, genauso schnell, agil und graziös den Weg zu meistern. Während ich allen Menschen auswich und dazu immer wieder abrupte Drehungen nach rechts und links machen musste, mussten auch meine Schritte immer die richtige Platzierung finden, um nicht blockiert zu werden, oder gar jemanden zu verletzen.

Mit dem treibenden Beat in den Ohren fühlte ich mich stark, mächtig und kampfbereit. Mein Leben hatte sich für zwei Minuten in die Episode einer filmischen Superheldin verwandelt.











Alles vermischt sich


Rückblickend bin ich mir sicher, dass ich ohne diese Musikwahl und die dazugehörige filmische Assoziation den Zug nicht mehr erreicht hätte. Das in eine Szene versetzt werden, das Identifizieren mit einem Charaktertypus hat mir ermöglicht, eine gesteigerte körperliche Leistung zu vollbringen.


Das Vermischen von Leben und Filmleben geschieht andauernd. Meine ehemalige Mitbewohnerin erzählte mir von einem Mitstudenten, der sich eine Zeitlang wie die Charaktere der britischen Serie Peaky Blinders gekleidet hatte.


Ein guter Freund von mir reiste einen Sommer nach Italien den Drehorten von Call Me By Your Name nach. Auf seinem Instagram-Profil befinden sich zahlreiche Bilder von ihm, wie auch er sich in passender Kleidung an diesen Orten inszenierte. Kombiniert sind diese Posts mit Filmzitaten, die von grosser Sehnsucht erzählen. Mein Freund ist keineswegs alleine mit dem Versuch, der sommerlichen Verliebtheit von Oliver und Elio nachzuspüren. In der britischen Vogue findet sich ein „Ultimate „Call Me By Your Name“-Inspired Travel Guide“, in welchem erklärt wird, welche Seitengassen man nehmen muss, um der Romanze zu folgen und wo versprochen wird, dass an manchen Orten noch das gleiche Equipment wie Stühle, Tische und Fahrräder vorhanden ist, wie in dem Film gezeigt wurde.¹


Eine obsessive Beziehung zu unseren liebsten fiktionalen Charakteren ist längst normalisiertes Verhalten; auf YouTube tummeln sich unzählige Videos, die durch einen atmosphärischen Zusammenschnitt eines Filmes eine Hommage an eine Filmfigur darstellen. Die Kommentarspalten schwellen über mit Liebeserklärungen, mit Kommentaren, in denen erklärt wird, wie verbunden sich die Zuschauerin mit der Person fühlt oder auch, wie sehr dies die Liebespartnerin der Träume wäre.


Und während es also gängig ist, sich unzählige Male die gleichen Szenen anzuschauen und in ihnen zu schwelgen, gehen manche noch einen Schritt weiter und schreiben Fanfictions; Geschichten also, die sich den Charakteren aus Büchern und Filmen bedienen, sich aber nicht mit den bereits erzählten Geschichten zufrieden geben, sondern noch weiter gehen, neue Geschichten kreieren, oftmals erotische – Die geliebte Figur muss weiterleben, ihr wird kein Ende vergönnt.


Mich interessiert in diesem Essay, was da passiert, wenn wir Bilder von Welten und Wirklichkeiten aus filmischen Erzählungen in die Realität off-screen bewusst und unbewusst einbinden? Wenn wir unsere eigene Rolle den vorbebilderten Rollen angleichen? Denn „Der Film bildet. Und zwar bereits im engeren Wortsinn: Der Film macht Bilder vor und entsteht damit erst im Fortgang der Vorführung.“² Was passiert, wenn diese Bilder allgemeingültig werden, wenn ein Massenphänomen daraus entsteht, wenn sie nicht nur die einzelne Person, sondern ein Kollektiv betreffen und verändern?




Medium oder Inhalt?


Die Suche nach mehr Verständnis führt uns durch verschiedene Positionen und Ansätze der Medientheorie.Marshall McLuhans bekannteste Formel lautet „The medium is the massage“.³ Dies kann einerseits in „The medium is the mass-age“ fraktiert werden; mit dem Aufkommen von Medialitäten, die global das Gleiche zugänglich machen, die globale Narrative entwickeln, ergibt sich ein neues Netz, eine Verbindung von allen. In Luhans Worten ergibt sich ein „global Village“⁴, ein globales Dorf. Als Beispiel mag hier die Streaming-Plattform Netflix dienen; weltweit besitzt sie über 158 Millionen Abonnentinnen – diese greifen auf die gleichen Inhalte zu, auf gleiche Narrative und Ästhetiken.⁵


Zugleich massiert das Medium die Menschen, es formt sie, wie der Bildhauer den Ton. Es übt Druck aus, verursacht Schmerz und Entspannung, formt neue Synapsen und lässt uns körperliche Intensität verspüren. Die Kernthese, die McLuhan formt, ist allerdings, dass der entscheidende Einfluss auf die Veränderung in unserem Verhalten nicht die Information ist, welche durch das Medium überliefert wird, sondern vielmehr die partikuläre Funktionsweise einer bestimmten Medialität, die uns in ihrer Möglichkeit und Eigenheit anders sehen und verstehen lernen lässt: „The medium is the message“.


Ich wage hier einen kleinen Exkurs zu machen, und zu behaupten, dass die Themen, nach denen sich Menschen erzählt sehnen, Medien unabhängig sind und als Konstante den Faktor einer gesteigerten Intensität, des Extremen, sehen. So sind bereits in den antiken Mythen die Themen Versuchung, Sexualität, Bestrafung, Rache und Gewalt dominierend. Dieser Fokus findet sich in neuen Übersetzungen in anderen Erzählungen wieder; in verschiedenen religiösen Schriften, in klassischen Theatern, in Romanen und Gedichten. Um die Jahrhundertwende 1900 kommen Filme auf, auch diese behandeln besagte Themen, ebenso wie das darauffolgende TV-Format, sie sind auch das, was das skandalöse Spektakel der Reality-TV-Shows so ansprechend machen. Diese Lust an Spektakel und Entertainment ist es, welche die filmische Erzählweise der Schauspielerinnen von der Leinwand befreit hat und das Melodrama als vorgeführte Lebensführung etabliert hat. Durch die Klatschpresse wird jede Liebelei, jede Gewalttat und jeder Exzess unserer Celebrities beleuchtet und mit Aufmerksamkeit verfolgt.

Der amerikanische Filmkritiker und Journalist Neal Gabler sieht hier die Vollendung des filmischen Potentials: Da, wo das Leben in seinem Drama noch bessere Geschichten schreibt als die Fiktion und diese Geschichten genauso global erzählt werden. Diese Blockbuster, im Medium Leben geschrieben, nennt Gabler „Lifies“. Als Elizabeth Taylors Karriere kaum noch von ihrem schauspielerischen Talent lebte, verlieh sie ihrem Starstatus „nur“ noch durch ihr Privatleben, beispielsweise mit zahlreichen Hochzeiten und Scheidungen, Relevanz.


Ganz vom Film abzutrennen sind solche Geschichten jedoch nicht, so schrieb Taylors Biograf: „[...] she also imitated the melodrama of her movies to lend her own life drama.“⁶ Es ist Standard geworden, dass das Wohlwollen der Zuschauerinnen gegenüber den Schauspielerinnen, aber auch den Politikerinnen, davon abhängig gemacht wird, wie sie ihr privates, und jetzt öffentlich gemachtes, Leben leben. Es gilt, einer Rolle gerecht zu werden, es gilt, gleich spannend zu sein, wie eine filmische Protagonistin. Und versucht die Schauspielerin dieser Rolle zu entfliehen, oder wird ihr nicht mehr gerecht, so ist das oftmals auch das Ende ihrer Karriere. Doch während manche Celebrities nicht mehr aus ihren Lebensrollen freigelassen werden, gibt es, mit Hilfe der Internetkultur, seit Jahren Menschen, die ihr Leben freiwillig vermarkten und zur Schau stellen. Auf YouTube teilen zahlreiche Vlogger ihr Leben in Videoform mit. Sie filmen sich bei verschiedensten Aktivitäten; die Attraktivität ist, direkt am Leben einer anderen Person dabei zu sein, mit der Illusion, einen ungefilterten Zugang zu haben, da die Person ja oft selbst filmt und direkt in die Kamera spricht. Millionen Klicks sind auf Videos zu finden, in denen Trennungen ausgehandelt werden, in denen sich die Person auf Abenteuer begibt, sich riskanten Situationen ausliefert oder ganz einfach in „What I Eat In A Day“ Videos erklärt, welche Nahrung sie zu sich nimmt. Sich selbst im Film zu imitieren ist also demokratisiert worden, es braucht nicht mehr den Weg ans Filmset, denn „jede Existenz ist sich selbst telepräsent“ geworden.⁷


Die Themen, welche also auch in diesen modernen Medien der Selbstinszenierung greifen, sind immer noch die zuvor genannten. Diese Mythen bieten neben dem Stillen einer gewissen Schaulust in ihrer Beispielhaftigkeit aber auch immer eine Anleitung, eine Beihilfe, wie denn mit dem eigenen Unglück, dem eigenen Schmerz des Lebens umzugehen ist. So wird einerseits ein solidarisierender Moment geschaffen, in dem mit jemand anderem mitgelitten wird; man ist also nicht alleine mit seinem Empfinden. Und gleichzeitig besteht im Kino das Bedürfnis „alleine mit dem Film zu sein“⁸, denn es werden auch Momente der Intensität kreiert – die emotionale Bindung mit der Person on-screen mag im Moment grösser sein, als mit derjenigen im Sitz nebenan.


Um auf McLuhan zurückzukommen, liegt also die starke Wirkung des Filmes wahrscheinlich nicht in seinen Geschichten, sondern darin, welche Möglichkeit das Medium hat, unsere Sinne zu erfassen und uns auf die andere Seite des Bildschirms zu ziehen. Um also zu verstehen, was der spezifische Reiz des Filmes ausmacht, wollen wir uns nicht unbedingt auf den Inhalt, sondern vielmehr auf die Wirkungsweise und Eigenheit der filmischen Erzählung fokussieren.


„Media, by altering the environment, evoke in us unique ratios of sense perceptions. The extension of any one sense alters the way we think and act – the way we perceive the world.“⁹




Körperliche Sensation


Film ist das Zusammenkommen von verschiedenen Kunstformen, die in sich selbst bereits eine eigenständige (emotionale) Stärke besitzen. So kommen das Drehbuchschreiben (Literatur, Narrativ, Dramaturgie), das Schauspiel (Theater), die Lichtsetzung (eine Technik, die oft von Kamerafrauen von Gemälden analysiert und kopiert wird), die Musik und das zweidimensionale Bild (Photographie) zusammen. Durch die Vielschichtigkeit werden automatisch mehr Sinne angeregt, auch wenn man im ersten Moment davon auszugehen versucht ist, zu denken, dass es sich hierbei lediglich um den Seh- und Hörsinn handelt. Vivian Sobchack beschreibt in Carnal Thoughts. Embodiment And Moving Image Cultures ganz exzeptionell, wie die menschliche Bedingung eigentlich immer eine synästhetische ist.

Durch diese Zusammenhänge und die gegenseitige Anregung aller Sinne ist das Filmschauen also auch eine Erfahrung des Tastens, Riechens und Berührens. Unser Körper hat gelernt (real erlebte) Erfahrungen mehrsinnig abzuspeichern, und macht nun folglich die gleichen Assoziationen bei der cineastischen Erfahrung.


So kann ich also in einer Szene, in der ein Bettlaken gezeigt wird, durch das visuelle Bild ableiten, wie sich der Stoff auf der Haut anfühlt, welchen Widerstand und welche Schwere er besitzt. Aufnahmen von einem Regenwald können mir die Luftfeuchte und Wärme vermitteln. – Dies ist keine bewusste Überlegung und Schlussfolgerung, die bei der Betrachterin passiert, sondern ein körperlicher Automatismus. Es ist also nicht ein reines psychisches Identifizieren, mit dem was auf der Leinwand geschieht, sondern ein körperliches Miterleben. Ohnehin macht eine Trennung in die mentale und fleischliche Erfahrung keinerlei Sinn, da die eine immer auch die andere bedingt. Wenn in einer schlimmen Szene Übelkeit hervorgerufen wird, so ist dies sowohl eine fleischliche Identifikation des Körpers mit dem, was in der Handlung geschieht, was mit dem Körper selbst geschieht, denn er erlebt das immersive Erlebnis vollbrünstig mit, als auch eine psychische Stressreaktion. Bemerkenswerterweise ist anzufügen, dass sich die Zuschauerin nicht nur mit einer Protagonistin in ihrer Sinneserfahrung identifiziert. Vivian Sobchak beschreibt ihre eigene (Sinnes-) Erfahrung des Filmes The Piano mit: „[...] I had a carnal interest and investment in being both „here“ and „there“, in being able both to sense and to be sensible, to be both the subject and the object of tactile desire. At the moment when Baine touches Ada’s skin through her stocking, suddenly my skin is both mine and not my own: that is, the „immediate tactile shock“ [...]“.¹⁰ Und später: „I have become not only the toucher but also the touched.“¹¹


In den vorangegangenen Kapiteln wurde besprochen, wie ein Bedürfnis ausgelöst wird, sich dem Verhalten einer filmischen Person anzunähern. Wie das Erzählen von (Lebens-) Geschichten eine Anleitung sein kann, sein eigenes Leben zu leben, mit seinen eigenen Schwierigkeiten einen Weg zu finden. Doch was mich interessiert, ist nicht nur die Verbindung, welche wir zu cinematischen Charakteren zu verspüren mögen, sondern auch, die Erfahrungsqualität, sich „wie im Film zu fühlen“. Hierbei sei nicht die Interpretation gemeint, dass man sich nicht ganz anwesend fühlt, sondern tatsächlich das Gefühl eine „filmwürdige“ Situation zu erleben. Ein gängiges und gern zitiertes Beispiel ist das, was BuzzFeed das „Dramatic Window Staring Disorder“ nennt und folglich beschreibt: „One who enjoys dramatically looking out of car windows. This phenomenon occurs most often on public transportation and trains. It‘s usually accompanied by sad music. One who suffers from DWSD [Dramatic Window Staring Disorder] often pretends like they‘re in a movie or music video while they dramatically look out of windows.“¹² Dies ist ein Bild, welches in sehr vielen Filmen kultiviert wird – meist sind dies Momente, in der die Protagonistin schweren Gedanken nachhängt. Sie hat schlechte Nachrichten gekriegt und muss diese verarbeiten, oder sie ist auf der Reise zu einem schwierigen Unterfangen. Meist bildet die melancholische Fahrt einen ruhigen Teil entweder nach oder vor einer Klimax. Es ist also nicht nur die Zeit für die Protagonistin zu reflektieren, sondern auch für die Zuschauerin. Wenn wir uns nun also selbst wiederfinden, dass die Landschaft an uns vorbeizieht und wir einen melancholischen Soundtrack in den Ohren haben, so wünschen wir uns nicht nur die Intensität dieser filmischen Fahrt herbei, sondern die Intensität, die diese impliziert – also das, was ihr vorausgegangen sein oder folgen muss. Es lässt sich spekulieren, dass, durch die wiederholte Konnotation dieser Szenerie beim Filmerlebnis, der fleischliche Körper auf diese Intensität trainiert wird und somit einen Trigger erlebt, den dieser in eine Erwartungshaltung führt.



Performance von Werner Hasler und Carlo Niederhauser (2020)













Filmisches Erinnern


Doch auch wenn die Filmerfahrung im Moment eine intensive Sinneserfahrung darstellt – wie kommt es, dass sie einen nachhaltigen Effekt auf unsere Selbstrealisation und Lebensführung hat?


In dem Begriff Medium führt die altlateinische Wurzel „med“ unter anderem auf das Ego zurück, auf „[...] dieses grundlegend anamnestische, d.h. in der Erinnerung fundierte „Ich“.“¹³, schreibt Petra Maria Meyer. Durch die Rückführung auf „med“ ist der Begriff Medium „[...] über das lateinische meditor (nachdenken über) mit dem Begriff cogitatio (Nachdenken, Überlegung, Denkvermögen, Phantasie) derart verbunden, dass Medialität durchaus als „grundsätzliches Milieu“ des Denkvermögens und der Phantasie aus der Etymologie der Sprache heraus verstanden werden kann.“¹⁴


Die Wahrnehmung von Dingen, sowohl in der „real“ erlebten Welt, als auch in der Welt on-screen, findet immer im Wechselspiel mit Erinnerungen statt.


Der englische Philosoph John Locke beschreibt 1690 in seiner erkenntnistheoretischen Schrift An Essay Concerning Human Understanding, dass unsere Imagination immer auf das Erlebte zurückgreift. Dem Menschen ist also nicht ein grundlegendes Verständnis der Welt (und somit eine feste Persönlichkeit) bei Geburt gegeben, sondern er beginnt als tabula rasa, als unbeschriebenes Blatt. Locke erklärt: „[...] men, barely by the use of their natural faculties, may attain to all the knowledge they have, without the help of any innate impressions; and may arrive at certainty, without any such original notions or principles. For I imagine any one will easily grant that it would be impertinent to suppose the ideas of colours innate in a creature to whom God hath given sight, and a power to receive them by the eyes from external objects: and no less unreasonable would it be to attribute several truths to the impressions of nature, and innate characters, when we may observe in ourselves faculties fit to attain as easy and certain knowledge of them as if they were originally imprinted on the mind.“¹⁵


Dies betrifft also einerseits das Verständnis von Zuständen selbst, als auch die Neubildung von Ideen, der Phantasie. Es gibt keine „Eingebung“, also keine neue Idee, die losgelöst ist von Erlebtem, sondern eine Schlussfolgerung geschieht immer, indem man Erlebtes in seiner Reflektion neu verknüpft. Dies wird nun insofern spannend, als dass sich seit Locke das Feld der Erfahrungswelten erweitert hat. Das, was wir über Bildschirme und Kinoleinwände miterleben, prägt sich genauso in unser Erinnerungsvermögen ein, wie andere erlebte Erfahrungen auch. Wenn wir also entscheiden, wie wir auf eine Situation reagieren, so ist es gut möglich, dass wir das Vorbild dazu aus einem Film nehmen, und dass wir selbst noch nie in einer ähnlichen Situation waren. Der Film wird möglicherweise zum einzigen Vergleichswert.


Als sich im Theaterstück norway.today die zwei Darstellerinnen einer erotischen Situation annähern, drückt sich bei August eine gewisse Hilfslosigkeit aus: „Während ich mir das so sage, fahre ich dir mit der Hand über die Brust und küsse dich, so ungefähr wie das irgendein Macker in einem Film macht, weil ich möglichst cool wirken muss und weil mir nicht einfällt, wie das ist, wenn man sich in so einer Situation natürlich verhält.“¹⁶



„weil ich möglichst cool wirken muss“


In seinem Verhalten Filmstars zu ähneln, ist mit „cool sein“ gleichgesetzt. Dies fällt auf, wenn man Unterhaltungen beobachtet, Kommentarspalten liest und Songtexten genau zuhört.

Stormzy rappt in Vossi Bop: „I could never die, I’m Chuck Norris / Fuck the government and fuck Boris / I’m a villain, killin’ when I’m barrin’ / Brothers in the hood just like the movie that I star in“.¹⁷ In typischer Rap-Manier geht es in seinen Texten darum, ein möglichst gutes Selbstbild zu kreieren, es geht darum zu beweisen, der Coolste zu sein, sogenannt „on top of the game“ zu sein.


Die Filmmetapher wird folglich eingesetzt, um zu betonen, wie movie-esk sein Leben ist, wie episch sein Dasein. So auch seine Gleichsetzung mit Chuck Norris – ein Filmheld, der die stereotypische Rolle des unbesiegbaren Actionheldes eingenommen hat. Skepta, ein weiterer Vertreter des Grime meint in You Wish: „When I was a little boy, I had big dreams / To be a star on the big screen“.¹⁸ Und während er im Refrain weiterrappt: „Life is a movie, I stick to the script“¹⁹, geht es hier nicht allen gleich – viele wünschen sich, ihr Leben hätte mehr filmische Qualität.
















Film, die Extension, und der Zufluchtsort


Das Medium Film ist ein Zufluchtsort für verschiedene menschliche Bedürfnisse. So ist es ein immersives Format, welches uns Werte und Umgangsformen vermittelt. In seiner mythenformenden und reproduzierenden Art bietet es einen Richtwert, einen Fels in der Brandung – wir finden einen Orientierungspunkt, an dem wir uns festhalten können, um Strategien zu entwickeln, die uns helfen, das Leben zu bestreiten, mit dem Schmerz umzugehen, und es bietet uns Vorbilder in unserer eigenen Rollenfindung. Und auch wenn Neal Gabler das „Lifie“ als die Krönung des Filmes sieht, so konnte es das Medium nicht abschaffen, wie auch Bücher Filme überlebt haben.


Durch das starke Erlebnismoment während dem Filmschauen erweitert sich unser Erfahrungs- und Erinnerungsschatz. Zugleich erweitert sich auch der Kreis der Bekanntschaften – durch das körperliche Miterleben der Geschehnisse on-screen entwickeln wir eine starke Mit-Emotionalität, wir fiebern mit und bekommen das Gefühl, tatsächlich einen anderen Menschen kennenzulernen. Dies wird insbesondere spannend bei Serie-Formaten, wo das Character Development über längere Zeit geschieht. Die Zuschauerin kann also wochenlang in Welten und Schicksalen baden, es ist eine Erweiterung der Realität, die zugleich selbst zur Realität wird. Dies führt dazu, dass gewisse Abhängigkeiten entstehen können – vielfältige Wege werden gesucht, wie ein Stück Filmwelt in die reale Welt übertragen werden kann; so werden Filmsets zugänglich gemacht, wie die Harry Potter Warner Bros Studios, es wird Merchandise verkauft, es werden Playlists erstellt, die Filmen nachempfunden sind. Wir entwickeln in unserer Haltung gegenüber dem eigenen Leben die Erwartung, dass der Verlauf einer Situation ähnlich zu verlaufen hat, wie wir dies aus wiederholten filmischen Narrativen kennen – schliesslich haben wir diesen Verlauf durch das cinematische Erlebnis schon mehrmals durchlebt.


Das Erlebnis endet nicht, wenn der Film fertig ist, es endet nicht, wenn im Kinosaal das Licht wieder angeht.























Literaturverzeichnis


Zitierte Literatur

1 Vgl. Vogue: Kim, Soey: The Ultimate „ Call Me By Your Name“-In- spired Travel Guide. 03.11.2019 https://www.vogue.co.uk/arts-and-li- festyle/article/call-me-by-your-name-travel-guide (Stand 18.04.2020) 2 Binotto, Johannes: Wahrnehmung auf Abwegen. Wie der Film bildet. In: Filmbulletin Nr. 6 (September 2017) S. 7 3 McLuhan, Marshall: The Medium Is The Massage. An Inventory Of Effects. Corte Madera: Gingko Press Inc. 1967, S. 26 4 Ebd., S. 63 5 Vgl. Wikipedia: Netflix. 13.04.2020 https://de.wikipedia.org/wiki/ Netflix (Stand 18.04.2020) 6 Gabler, Neal: Life: The Movie. How Entertainment Conquered Reality. New York: Vintage Books 1998, S. 164 7 Baudrillard, Jean: Die Illusion und die Virtualität. Wabern-Bern: Benteli-Werd Verlags AG 1994, S. 7 8 Hanich, Julian: Kino als kollektiver Erfahrungsraum. Die Öffent- lichkeit des Kinos. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2016, S. 6 9 McLuhan: The Medium Is The Massage (wie Anm. 3), S. 41 10 Sobchack, Vivian: Carnal Thoughts. Embodiment and Moving Image Culture. Berkeley und Los Angeles: University of California Press 2004, S.66 11 Ebd., S. 77 12 BuzzFeed: Stopera, Matt: For Everyone Who Suffers From Dramatic Window Staring Disorder. 21.10.2015 https://www.buzzfeed.com/ mjs538/for-everyone-who-suffers-from-dramatic-window-staring-di- sord (Stand 18.04.2020) 13 Meyer, Petra Maria: Gedächtniskultur und künstlerische Erinne- rungspraxis. Kieler Vorlesungen zu GedächtnisMedienMetaphern im historischen Wandel. Kiel: Muthesius Kunsthochschule 2016, S. 399 14 Ebd. S. 399-400 15 Locke, John: An Essay Concerning Human Understanding. The Pennsylvania State University 1999, S. 27 - 28 16 Meyer: Gedächtniskultur und künstlerische Erinnerungspraxis (wie Anm. 13), S. 419 17 Stormzy: Vossi Bop. Auf dem Album Vossi Bop 2019 18 Skepta: You Wish. Auf dem Album Ignorance Is Bliss 2019 19 Ebd.


Weiterführende Literatur

Binotto, Johannes: Bilder geben. Übertragungen zwischen Film und Psychiatrie. In: Filmbulletin Nr. 2 (2016) Doelker, Christian: „Wirklichkeit“ in den Medien. Zug: Verlag Kett & Balmer GmbH 1979 Brütsch, Matthias, Hediger, Vinzenz, von Keitz, Ursula, Schneider, Alexandra, Tröhler, Margrit (Hrsg.): Kinogefühle. Emotionalität und Film. Marburg: Schüren Verlag GmbH 2005 Mikunda, Christian: Kino spüren. Strategien der emotionalen Filmgestaltung. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG 2002 Pörksen, Uwe: Weltmarkt der Bilder. Eine Philosophie der Visiotypie. Stuttgart: Klett-Cotta GmbH 1997 Hagener, Malte, Ferran, Ingrid Vendrell (Hrsg.): Empathie im Film. Perspektiven der Ästhetischen Theorie, Phänomenologie und Analy- tischen Philosophie. Bielefeld: transcript Verlag 2017

Bildernachweis Titelblatt https://ifunny.co/picture/me-at-12-years-old-pretending- i-m-in-a-dkmg4jxK7 (Stand 18.04.2020) S. 7 - 9 Wachowski, Lana, Wachowski, Lilly: Matrix 1999 S. 12 - 13 Diverse Profile auf Instagram und Tumblr S. 18 - 19 Dobrik, David: we broke up 2018. https://youtu.be/J2HytHu5VBI (Stand 18.04.2020) S. 23 Dampzentrale Bern. https://www.dampfzentrale.ch/event/ godspeed-werner-hasler-carlo-niederhauser-out-on-the-road/ (Stand 18.04.2020) S. 24 Lee, Francis: God‘s Own Country 2017 S. 26 Hanson, Curtis: 8 Mile 2002 S. 27 Fletcher, Anne: Step Up 2006 S. 28 - 29 Del Torro, Guillermo: The Shape Of Water 2017 S. 30 Dolan, Xavier: J‘ai tué ma mère 2009 S. 31 Phillips, Todd: Joker 2019 S. 35 YouTube Kommentarspalte S. 36 Stormzy: Vossi Bop. 2019. https://youtu.be/9ClYy0MxsU0 S. 39 Chicano Batman: Pink Elephant. 2020. https://youtu.be/ODJvVkhDmM0 S. 40 Glass Animals: Your Love (Déjà Vu). 2020. https://youtu.be/LjPStHTWr4I S. 45 Raimi, Sam: Spider-Man 2002 S. 46 Edwards, Blake: Breakfast At Tiffany‘s 1961 S. 47 Lust, Erika: Pouring Pleasure 2017

S. 48 Verbinski, Gore: Pirates of the Caribbean: At World’s End 2007 S. 49 Grismer, Chris, Dahl, John, Tobin J.Miller, Behring, John: The Vampire Diaries (6. Staffel) 2014 - 2015 S. 50 Cassavetes, Nick: The Notebook 2004 S. 51 Hallström, Lasse: Dear John 2010 S. 52 Dolan, Xavier: Tom à la ferme 2013 Hinteres Deckblatt: https://knowyourmeme.com/photos/1787064- black-twitter (Stand 18.04.2020)

QR-Code Links S. 7 Propellerheads: Spybreak!. 2008. https://youtu.be/iCBL33NKvPA S. 25 A Winged Victory For The Sullen: Minuet for a Cheap Piano Number Two. 2019. https://youtu.be/eutl1UEUqLs S. 36 Stormzy: Vossi Bop. 2019. https://youtu.be/9ClYy0MxsU0?t=46 S. 37 Skepta: You Wish. 2019. https://youtu.be/G4s3qI5Q1rQ?t=79 S. 38 Jeans For Jesus: Hollywood Was Talking About Love Before Anyone Else Did. 2014. https://youtu.be/oph-5LkQReY?t=2073 S. 39 Chicano Batman: Pink Elephant. 2020. https://youtu.be/ODJvVkhDmM0?t=27 S. 40 Glass Animals: Your Love (Déjà Vu). 2020. https://youtu.be/LjPStHTWr4I?t=81 S. 41 The Beach Boys: Little Girl. 1962/2009. https://youtu.be/IN8VhQaR8bI?t=56 S. 42 Alicia Keys: Empire State Of Mind (Part II). 2011. https://youtu.be/d04vGqP2dcI?t=16