PMOS: DAS SPIEL OHNE ANLEITUNG – JUNE SCHÄDELIN & ROBIN LÜTOLF

Die Ausstellung «PLAY ME ON STANDBY» war kein Ergebnis von zwei Jahren Arbeit, sondern ein Konzept, welches durch die gegebene Situation mehrfach angepasst werden musste. Wie auch der Rest der Welt vor unbekannten Herausforderungen gestanden hat, sahen wir uns gezwungen, viele unfreiwillige Entscheidungen zu treffen. Diese teilweise auch vergebens zu treffen, da die Ausstellung einmal mehr abgesagt werden musste – wieder und wieder. Ganz ohne Doodle konnten wir uns schlussendlich auf den 7. August 2021 einigen. Was lange währt... hat sich vieles auch zum Guten gewandt! Zum Beispiel der Titel der Ausstellung, der glücklicherweise doch noch einiges von «Allgemeine Geschäftsbestimmungen» (wie zu Beginn der Planungsphase) weggekommen ist.


Bevor wir, also Jonas Frey, Lisa Mark, Joëlle Bischof und ich, uns an das Gestalten der räumlichen Situation wagten, ordneten wir die verschneiden Arbeiten, bzw. Elemente, die wir mehrheitlich gemeinsam entwickelt haben, auf der zeitlichen Ebene ein, da die verschiedenen Arbeiten und Performances grösstenteils voneinander abhängig waren. Doch dazu später mehr. Auf der räumlichen Ebene gab es überraschend wenig Freiheiten, was uns eigentlich in die Hände gespielt hat. Dadurch, dass die Wände und Ecken der Voirie in Biel bereits ganze Geschichten erzählen, schränkt der Raum die Künstler:innen zwar ein, bietet dafür aber auch an, sich in etwas Bestehendes einzufügen oder gar sich selbst darin zu inszenieren.





Der dritte, und vielleicht wichtigste Aspekt unseres Konzepts, war schliesslich das Publikum. Natürlich lebt eine Ausstellung immer von einer Resonanz, doch die Idee von PMOS war nicht, das Publikum zum Staunen zu bringen, sondern uns und damit auch das Konzept von anderen abhängig zu machen, ohne dabei die involvierten Leute in Verlegenheit zu bringen oder ihnen ein Verantwortungsgefühl aufzuzwingen. Spätestens hier beginnt der experimentelle Teil des Ganzen, da wir weder wussten, was für ein Publikum uns wann, und ob überhaupt, erwarten würde. Ein Publikum miteinzubeziehen bedeutet nicht nur als Künstler:in zu performen, sondern auch als Gastgeber:in. Es kann entscheidend sein, was für eine Grundstimmung herrscht und wie sich die ersten Besucher:innen in die Situation hineingeben. Ebenso bringen sie selbst eine Grundstimmung mit, jedoch ist die Frage, wie stark diese beeinflusst werden kann und sollte, eine andere.


Als Beobachterin dieses unübersichtlichen Experiments zogen wir June Schädelin hinzu.

Ihre Rolle bestand darin, das Geschehen filmisch festzuhalten und so immerhin teilweise zu einer objektiven Aussenansicht beizutragen. Ich schreibe hier explizit von „Rolle“, weil die laufende Kamera in dieser Situation auch ein wandelnder Hinweis auf Beobachtung und Selbstbeobachtung darstellt.



Nun zum eigentlichen Teil dieses Textes; der Beobachtung der ganzen Aktion, die ich in der Gegenwartsform beschreiben werde, um wenigstens in der Zeit etwas Distanz zum Geschehen zu nehmen.



Nüchternes Publikum 16.00 Uhr: Veranstaltungsbeginn


Der Raum macht eine ernüchternden Eindruck, unter anderem weil noch nicht alle Installationen in Betrieb sind. Das liegt daran, dass einige teilweise mit noch kommenden Performances in Verbindung stehen. Schliesslich kann das Publikum das nicht wissen. Und wie erwartet: Die Anzahl Besucher:innen, ist noch sehr übersichtlich bei Veranstaltungsbeginn, was, wie schon gesagt, nicht weniger Arbeit bedeutet.


Zu sehen ist die interaktive, spielerische Website von Jonas von Arb, der heute leider nicht anwesend sein kann.




Ausserdem auch meine Videoarbeit „Warten auf Zeit“, in der auch anwesende Gäste zu sehen sind










und schliesslich die räumlich zentrale, poetische Arbeit von Lisa.



Auch bereits zu erleben ist Joëlles Arbeit, die sich multimedial durch die Räumlichkeiten verteilt. Der weniger subtile Teil ihrer Installation ist der leere Bilderrahmen, welcher seinen Inhalt durch den auditiven Part im WC-Vorraum gewinnt. (Interessant daran ist auch, dass ein leerer Bilderrahmen als Installation wahrgenommen wird und nicht als Bild.)





Bereits an dieser Stelle gibt es viele Erwartungen an das Publikum, welches noch kaum anwesend ist, sich aber ab 17.30 Uhr langsam vermehrt. Wir stellen uns aber in diesem Moment vor allem die Frage, was das Publikum für Erwartungen an uns hat.



Erster Spannungsmoment 18.45 Uhr: Bildschirm-Performance (Geplante Performance-Zeit: 18.00 Uhr)


Während ich also Zeit herausschinde am Computer, der mit dem Beamer verbunden ist, sammeln Jonas, Joëlle und Lisa das Publikum ein, welches sich vor der Leinwand, die eigentlich ein Tisch ist, versammeln soll. Der Raum füllt sich und zu sehen ist nach wie vor nichts weiter als ein Max/MSP- Patch. Nach einiger Zeit wechsle ich auf das eigentliche Bild, welches das Publikum vor ca. 20 Sekunden darstellt.


Die Installation ist nichts anderes, als eine Kamera, welches das aufgenommene Bild mit etwas Verspätung wiedergibt. Dieses simple Phänomen hat jedoch eine starke Wirkung auf die Personen, die nun mit ihrem Verhalten beschäftigt sind. Natürlich kann die Arbeit auch eine unterhaltsame Spielerei sein, doch damit halten sich die meisten in dieser Situation eher zurück, da sie schliesslich auch von anderen beobachtet werden können.

Jonas beginnt nun mit seiner ersten Lesung. Diese wird akustisch von Lisas Klanginstallation und der ungewollten Verzögerung seiner mikrofonierten Stimme gestört.

Kleinigkeiten also, die für viel Unruhe im Raum sorgen. Die Besucher:innen scheinen jedoch bemüht zuzuhören, denn es geht in dem teils improvisierten Text auch um sie und die Gesamtsituation.



Nun gibt es mit dem verzögerten Bild eine installative Komponente mehr, die den Raum zu einem anderen macht, als er vor der Lesung war.



Zweiter Spannungsmoment 19.30 Uhr: „Polemik“ Performance (Geplante Performance-Zeit: 18.30 Uhr)


Das Publikum ist nun mutiger und hat begonnen, sich an die Ausstellungsform zu gewöhnen. Das ist für die nächste Performance nicht gerade hilfreich, denn diese wünscht sich nicht so viel Aufmerksamkeit, wie sie gerade bekommt. Die zweite Performance beginnt und das Publikum stellt sich wieder erwartungsvoll auf. Somit müssten wir das Konzept der zweiten, subtil geplanten Performance in Echtzeit umgestalten.

Das Publikum übernimmt somit gerade unbewusst eine neue Rolle, in der sie die Form der Performance stark beeinflusst. Wir versuchen dies während der Performance zu überspielen, was anscheinend nicht schlecht funktioniert. Nach der Darbietung bleibt der Mikrofonkanal offen. Sobald also jemand die Tastatur bedient, entsteht ein manipuliertes Abbild der akustischen Umgebung. Der eben eingegebene, tatsächlich meist polemische Text, bleibt sichtbar, was neue Bezüge von Seiten des Publikums zulässt und auch eine Art Gästebuch bildet.




Einfach sein lassen 20.30 Uhr: Treppen-Lesung (Geplante Performance-Zeit: 19.00 Uhr)


Noch bevor die Aftershow mit Tetrapack beginnt, sollte noch eine weitere Lesung von Jonas stattfinden, doch er lässt es sein. Es ist genug passiert und auch wir wollen nun die Verantwortung für die Stimmung Tetrapack übergeben.



„Es war super, aber ein Saaltext mit einem Programm wäre schon gut gewesen“, meint ein Besucher und wahrscheinlich hat er recht. Schliesslich hat jedes Spiel seine regeln und diese müssen klar sein, damit ein Spiel funktionieren kann. Sicherlich sind dem Titel PLAY ME ON STANDBY gerecht geworden, zu dem uns Siri Hustvedt im Interview "Es gibt ein körperliches Gedächtnis" mit folgender Anekdote gebracht hat: „Für Donald Winnicott, den englischen Kinderarzt und Psychoanalytiker, war das Spiel ein "potenzieller Raum", ein schöner Begriff. Es ist ein Zwischenbereich, zwischen dem Menschen und der Welt.



Dort probieren wir Dinge aus. Winnicott sagt, alle Kreativität und Kultur finden im potentiellen Raum satt – in einer dritten Realität. Ob wir einen Kuchen backen, ein Buch schreiben oder ein Musikstück komponieren, die Kunst, das Objekt, diese Dinge nehmen diesen Zwischenraum ein. Und dabei geht es nicht um etwas Unwichtiges. Es ist ernst. Die Künstlerin kann ihre Kunst todernst nehmen. Jedes Kind ist ernst, wenn es spielt. Man muss sich davor hüten, Spielen nicht ernst zu nehmen.”*


PMOS war die erste Veranstaltung im Rahmen von Eisenbricht. Gleich von Anfang an mit so vielen Hindernissen zu starten, hätte nicht sein müssen, doch die Erkenntnis, dass nach jedem umgangenen Hindernis ein weiteres hervorkommt, macht es auch leichter, Dinge einfach auszuprobieren. Und wenn wir mit Eisenbricht neue Ausstellungssituationen erproben wollen, dann meinen wir das genau so, dass wir dem Scheitern genauso offen gegenüber stehen, wie experimentellen Formen der Zusammenarbeit.


Hier sei auch Kulturesk ein Dank ausgesprochen, das uns finanziell unterstützt hat, ohne zu wissen, dass sie nun eine Kaufquittung erwartet, welche bis auf den fehlenden Malibu auch für eine gewöhnliche Party sprechen könnte und die Hälfte des gesprochenen Projektbudgets auffrisst. Aber lieber zu viele Getränke, als zu viele Menschen. Die Sorge um zu wenig Leute an einer Vernissage, völlig unbegründet. Diejenigen die dort waren, waren grandios und für ein Bier für Anne Henchoz, die Hauswartin der Voirie, hat’s ebenfalls mehr als gereicht.



*Siri Hustvedt im Interview mit Katrin Zeug – Es gibt ein körperliches Gedächtnis. Zeit Online 2020 https://www.zeit.de/zeit-wissen/2020/04/siri-hustvedt- schriftstellerin-autorin-koerper-gedaechtnis?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.mail.ref.zeitde.share.link.x