ROMANTISCHER BEFUND – ROBIN LÜTOLF

Wer eine Veranstaltung damit ankündigt, an dieser möglicherweise die grosse Liebe seines Lebens zu treffen, muss mit vielem rechnen, da auch das Publikum mit vielem rechnet. An der Veranstaltung «BEFORE YOUR VERY OWN EYES» im Lehrerzimmer in Bern hat Robin Lütolf den folgenden Text vorgelesen, um Ritterlichkeit in den Alltag zu überführen und gleichsam den Blick ins Weltall aus den Augen zu verlieren.



Wir treffen uns also zu einem romantischen Beisammensein. Also das soll nicht heissen, dass wir uns treffen, um uns gegenseitig das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein, sondern um zusammen so zu tun, als gäbe es etwas Besonderes.


Für eine Weile bemühen wir uns, heute mal nicht das zu tun, was wir jedes Mal tun, doch auch das tun wir eigentlich jedes Mal.


Da liegen wir also, schaffen uns gegenseitig einen kurzen Überblick über unsere Gedanken und Sorgen, bevor wir mehr oder weniger gemeinsam beschliessen, welche Musik wir hören werden. Eine schwedische Band, deren Namen sich gefühlt in keiner Sprache richtig aussprechen lässt, hat ein Album namens «One Armed Bandit» und genau dieses Album wird uns die nächsten 53 Minuten und 36 Sekunden begleiten.


Ich liebe Spiele genug für uns beide, deshalb machen wir eins. Unser Spiel ist relativ simpel: Wir hören uns jeden einzelnen Song an und diskutieren darüber, wie er wohl heissen könnte und dann schauen wir nach, wie er wirklich heisst. Der erste Song heisst «The Thing introduces...» und geht 23 Sekunden. Den Namen des nächsten Songs weiss ich jetzt auch, da er direkt unter dem des ersten steht. Naja.


Wir liegen also wie gehabt weiter und hören der Musik zu, die klingt, als wäre sie zwar für Erwachsene, aber doch sehr kleine und kindliche Leute gemacht. Wir schliessen unsere Augen und ziehen diesen Gedanken noch etwas in die Länge. Wir finden uns in einer Welt wieder, in der sehr kleine und feinfühlige Menschen in einer eher mittelalterlichen Umgebung leben. Es gibt da keine Häuser, höchstens ein paar kleine Hütten aus Holz. Das liegt auch daran, dass sie kein Werkzeug haben, um sich ein Haus zu bauen. Doch wenn der Wille sich ein Haus zu bauen, nicht da ist, spielt das keine Rolle. Sie sind eigentlich mit sehr wenig zufrieden, haben aber sehr viel mehr Probleme, als sie jemals bewältigen könnten oder verdient hätten. Sie verstehen sich jedoch sehr gut untereinander und halten immer fest zusammen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass genau dieser enge Zusammenhalt möglicherweise eines ihrer grössten Probleme ist, denn wenn sich auch nur eine einzige Person nicht nach dem vorgegebenen Muster verhält, fällt ihre gesamte gesellschaftliche Struktur auseinander, die sie sich hart erarbeitet haben. Physikalisch müsste man sich das

wie eine Kette vorstellen, nur ist es eher ein Netz als eine Kette, welches aus unzähligen Gliedern besteht, die sich aber alle auf einmal lösen würden, sobald es eines tut. Es gäbe eine Kettenreaktion. Das erinnert dich insgesamt wieder ans Mittelalter, da es ja damals diese Rüstung gab, die aus so einem Geflecht aus Metall bestand. Wie hiess die nochmal? Ach egal, komm wir machen etwas Gemütlicheres als reden.


Wir schweigen und hören der Musik zu. Mittlerweile ist es kaum zu erahnen, wo wir uns in diesen 53 Minuten und 36 Sekunden bewegen. Man findet sich ja nicht einmal in einem einzelnen Song zurecht. Die Songs haben eine eng geflochtene Struktur, die bestimmt sehr spannend und aufwändig zu analysieren wäre, doch eine Analyse wäre nun wirklich nicht das Maximum, das man aus dieser Musik herausholen könnte. Natürlich wollte ich den Begriff des

Flechtens nicht schon wieder ansprechen, aber manchmal hört man ein Wort und hat für eine Weile das Gefühl, man könnte damit die ganze Welt beschreiben.


An diesem Punkt haben wir die Romantik an der ganzen Sache entdeckt: Das Geheimnis liegt darin, über Dinge nachzudenken, die wir nicht verstehen. Während wir das tun, hat uns immer wieder aufs Neue aufzufallen, dass wir eigentlich noch nie wirklich etwas verstanden haben. Klar, diese Erkenntnis hatte man (hoffentlich) in den Jugendjahren das erste Mal gemacht, aber möglicherweise wird sie immer eine Hauptzutat der Romantik bleiben.


Ob es die Musik ist, die uns auf diese Weise zum Nachdenken bringt oder ob sie einfach das einzige Mittel ist, das uns einfach mal für längere Zeit zum Herumliegen und Nichtstun bringt? Nichtstun im weitesten Sinne, schliesslich hören wir fast aufmerksam der Musik zu und du meinst, dass es noch sehr viel zu tun gibt. Von Aussen mag das vielleicht nicht so aussehen, doch wir fühlen uns ziemlich produktiv.


Der Song, der jetzt läuft, müsste meiner Meinung nach keinen Namen haben. Er ist zu aufwändig, um ihn einfach mit ein paar wenigen Worten zu betiteln. Er ist ein riesiger weisser

Planet, der zwar schon eine Kugel ist, aber auch eine Scheibe. Also nicht eine einzige Scheibe, sondern mehrere mit verschiedenen Grössen, die horizontal zu einer Kugel angeordnet sind. Gibt es horizontal überhaupt im Weltall? Egal. Du hast vielleicht recht damit, wenn du meinst, das seien gar keine Scheiben, sondern eher Platten, die sich um die Achse des Planetens drehen. Die Menschen, die darauf leben, brauchen keine Verkehrsmittel, da sie sich quasi immer auf einem befinden. Das wird wohl auch der Grund sein, warum sie auf uns so beängstigend effizient wirken. Klar, du wirst halt zu dem, was deine Umgebung aus dir

macht. Und was macht sie aus uns? Aus uns macht sie Menschen, die einen so festen Drang zur Effizienz haben, dass wir von deren Effizienz beeindruckt sind, während sie

diese als völlig normal betrachten und sich kaum aktiv Gedanken darüber machen. Hätten wir ab morgen Nachmittag auf unserem Planeten die Möglichkeit so effizient zu sein wie die, wären wir spätestens gegen Abend unzufrieden damit und würden uns überlegen, wie wir noch effizienter werden könnten. Apropos Welt: Befinden wir uns eigentlich noch auf der gleichen? Könnte gut sein, dass ich gerade etwas abgeschweift bin. Oh sorry, wir haben vorher doch abgemacht, dass wir nicht mehr reden, sondern der Musik zuhören. Ob ich nun spreche oder einfach nur denke, weiss ich mittlerweile nicht mehr so genau. Vielleicht spielt

das auch keine grosse Rolle mehr. Aber falls doch: Bist du gerade ich oder du? Vielleicht sollte ich doch lieber mal die Augen schliessen und schlafen. Ach, die hab ich ja schon vor

langer Zeit zugemacht. Dafür ist aber optisch ziemlich viel los. Heisst das jetzt, dass ich besser mit offenen Augen schlafe? Kettenrüstung. Ich meinte die Kettenrüstung.

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