AM I A.I.? – JOERG HURSCHLER

Für die Ausstellung «Last Words from the Periphery» auf dem Werkerei-Areal in Zürich im Mai 2021, entstand das erste Eisenbricht Projekt namens «Ist das hier Vorort?». Neben Lea Hofer & Babette Walder (kolekktiif) und dem Cosma PRVK, hat auch Joerg Hurschler von Soeul aus an dem Konzept mitgearbeitet und beeinflusste dieses massgebend. Nun erzählt er uns, wie das Projekt ihn beeinflusst hat.




Als ich an Last Words From The Periphery teilnahm, befand ich mich nicht in der Schweiz. Trotzdem hat mir die Idee gefallen, eine Arbeit für eine Ausstellung in Zürich zu machen, obwohl ich mich während deren Präsentation einige tausend Kilometer entfernt befand. Ich lebte in Seoul, weil ich einen Master in der Schweiz begonnen hatte, der sich nicht als inspirierend wie erhofft herausstellte. Darum habe ich mich dazu entschieden, die Inspiration auf einem anderen Kontinent zu suchen. Trotzdem war ich nicht ganz weg. Ich nahm noch immer mit Zoom am Schweizer Unterricht teil und mit meinem Freundeskreis und meiner Familie stand ich so oder so in einem regelmässigen Kontakt. Im digitalen Zeitalter ist jeder überall und immer mit dabei. Darum empfand ich es auch als natürlich an der Ausstellung teilzunehmen, obwohl ich, wie gesagt, woanders war.






Ich nutze gerne und viel die Möglichkeiten, welche das digitale Zeitalter zur Verfügung stellt. Ich fühle mich wohl in diesem durch Datenströme geschaffenen Zwischenraum. Diese Welt aus Pixel, Nullen und Einsen erlaubt es mir, mich frei auf dem Globus zu bewegen. Diese Umgebung erleichtert meinen Alltag mit GPS, Wikipedia, Tutorials, Onlinebestellungen und Reviews und auch die Dinge, die in Foren und auf Social Media stattfinden, sind ein wichtiger Teil meines Alltags. Klar, ich beschreibe die Vorzüge des Internets, obwohl mir bewusst ist, dass noch eine andere Seite existiert: Kontrolle, Überwachung, Fake News, Algorithmen, die das Verhalten der User immer besser zu steuern wissen. Im Grunde genommen ist dieser Ort ein zutiefst menschlicher. Auch in der digitalen Welt wird mit Reizen, Reaktionen und Mustern gespielt, die seit Jahrmillionen in unseren Genen und in der Kultur verankert sind. Dieser Umstand ist auch ein Grund, warum meine Arbeit vor allem mit dem Computer entsteht: Zwischen neusten Technologien und archaischem Verhalten ist ein reichhaltiger Spannungsbogen vorhanden. Um einen Aspekt dieses Themenfeldes zu behandeln, habe ich für diese Ausstellung eine simple A.I. programmiert, die wenige Bewegungsmuster beherrscht. Ich wollte wissen, ob sich dieses Wesen auch anders verhalten kann, als vorher im Code festgelegt wurde




Im Nachhinein betrachtet, merke ich, dass ich gewisse Parallelen zwischen dieser Auseinandersetzung und meiner damaligen eigenen Verfassung ziehen kann. 
Als ich in Seoul ankam, hatte ich mich kurz vorher von meiner langjährigen Partnerin getrennt. Ich war vor allem betrunken und stürzte mich in zukunftslose Affären. Ich schlief kaum noch und meistens, nach einer wachen Nacht, trank ich Weisswein auf der Terrasse meiner Wohnung. Vor Sonnenaufgang sass ich im blauen Licht über den Dächern dieser unendlichen Stadt und rauchte kette. Ich schaute zu, wie die Sonne über den Horizont stieg und die Schatten langsam an den Kanten und Furchen der vielen Hochhäusern unter mir länger wurden. Ich beobachtete wie die dicht bewaldeten Hügel am Horizont von einem blassgrauen Ton in einen mattgrünen wechselten. Meistens dann war ich von Liebeskummer durchzogen und wunderte mich, wie Beziehungen zu Ende gehen können. In dieser Zeit wurde ich vor allem auf mich selber zurückgeworfen, auf meine Gefühle, auf meine Bedürfnisse und auf meine Energie, die vor allem mit Selbstzerstörung und Zerstreuung zu tun hatte. Die Zerstreuung war dazu da, um das, was ich verloren hatte, zu überdecken. Ich wollte nichts mehr spüren und gleichzeitig viel spüren. 
Als ich wieder ein wenig Licht in meiner geistigen Umnachtung zu sehen begann, aber trotzdem wie gehabt weiter machte, begann ich mich manchmal frühmorgens auf der Terrasse zu fragen, wie viel von meinem Verhalten mein Verhalten ist und welches von unterbewussten Prozessen gesteuert wird.





Warum falle ich jedes Mal in dasselbe Muster, sobald ich durch eine Trennung gehe? Was ist vorprogrammiert? Unterscheide ich mich überhaupt von einer A.I. wenn in meinem Reptilienhirn jahrmillionenalte Prozesse ablaufen, die mein Verhalten steuern? Kann ich dem entfliehen? Was habe ich als erlebendes und denkendes Wesen mit Lebenserfahrung und erworbenem Wissen für einen Einfluss darauf? Wann und wieso durchdringen bewusste Handlungen diese Prozesse? Findet dort das Ich statt, wo die Entfremdung, die Loslösung von diesen archaischen Prozessen versucht wird? Ich wollte, dass mein Wesen aus seinen programmierten Verhalten ausbricht. Ich wollte eine Persönlichkeit erschaffen, die einen Charakter hat, einen Hauch von einem Bewusstsein. Im Nachhinein betrachtet war das mit dem Bewusstsein zu weit gegriffen. Ein Bewusstsein zu haben, heisst, dass jemand sich selber von aussen sehen und seine Handlungen reflektieren kann. Mit einem Bewusstsein kann ich Entscheidungen für die Zukunft treffen. Jedenfalls habe ich irgendwann auf der Terrasse in Seoul, als morgens die Sonne die Häuserdächer orange schimmern liess und das Glas der Fassaden die Helligkeit reflektierte, mir vorgenommen, mich aus meinem eigens geschaffenen Mief emporzuheben und meinem Leben wieder Farbe zu geben. Ob nun unterbewusste Prozesse mich zu dieser Entscheidung getrieben haben, das sei dahingestellt.